Gedanken ohne Zuckerzusatz
Gedanken ohne Zuckerzusatz
Geschrieben von Chantal Hövel am
Über Schlaf, Schuldgefühle und warum wir aufhören dürfen, uns ständig zu reparieren
Ich höre zurzeit viele Menschen sagen, dass sie schlecht schlafen.
Sie wachen nachts auf.
Und bleiben wach.
Fast immer schwingt dabei dieselbe Sorge mit:
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
Dazu die Frage, die so typisch für unsere Zeit ist:
„Was kann ich tun, um das zu reparieren?“
Ein kurzer, wichtiger Hinweis:
Hier geht es nicht um schwere, klinische Schlafstörungen.
Diese sind real, belastend und brauchen fachliche Begleitung.
Gemeint ist der alltägliche Schlaf,
den viele Menschen als „falsch“ bewerten.
Was, wenn der Schlaf gar nicht kaputt ist?
Vielleicht ist nicht der Schlaf das Problem.
Vielleicht ist es unsere Erwartung an ihn.
Wir leben in einer Zeit,
in der selbst etwas so Ursprüngliches wie Schlaf
optimiert werden soll:
wann,
wie lange,
wie tief
– und bitte ohne Unterbrechung.
Wach werden in der Nacht gilt schnell als Störung.
Dabei ist es biologisch betrachtet erst einmal … neutral.
Der Körper wird wach.
Mehr nicht.
Das Drama beginnt oft erst im Kopf.
Der Körper kennt keine Uhrzeiten
Der Körper weiß nicht,
dass es 3:46 Uhr ist
und dass man da „eigentlich“ schlafen müsste.
Er kennt keine Uhr.
Er kennt Zustände:
müde oder wach.
Historisch war es völlig normal,
nachts eine Wachphase zu haben.
Viele Menschen schliefen biphasisch:
ein erster Schlaf,
eine Zeit des Wachseins,
ein zweiter Schlaf.
Durchschlafen ist kein Naturgesetz.
Es ist ein modernes Ideal.
Wenn Müdigkeit auf Alarm trifft
Besonders quälend ist es,
wenn man todmüde ist
und trotzdem nicht schlafen kann.
Das fühlt sich falsch an.
Fast existenziell falsch.
Doch auch hier ist der Schlaf meist nicht kaputt.
Oft ist einfach das Nervensystem noch im Alarm.
Müdigkeit ist körperlich.
Schlaf braucht zusätzlich Sicherheit.
Und je mehr wir versuchen,
ihn zu erzwingen,
desto weiter rückt er weg.
Wie Tee, der bitter wird, wenn man ihn zu lange ziehen lässt.
Leben passt sich nicht immer dem Schlaf an
Und ja – manchmal gibt es keinen zweiten Schlaf.
Weil um sechs Uhr das Leben ruft.
Kinder.
Arbeit.
Verantwortung.
Das ist nicht ideal.
Aber es ist auch kein Drama.
Der Körper denkt nicht in perfekten Nächten.
Er denkt in Zyklen.
Über Tage.
Über Wochen.
Er ist robuster,
als wir ihm oft zutrauen.
Schuld als Steuerungsinstrument
Was mir auffällt:
Heute wird erstaunlich viel
mit schlechtem Gewissen gearbeitet.
In der Erziehung.
Beim Schlaf.
Beim Essen.
Bei Medien.
Während Corona durften meine Kinder zeitweise
auch mal bis zu zwei Stunden am Tag schauen –
über den Tag verteilt.
Dafür habe ich ordentlich Kritik bekommen.
Rückblickend denke ich:
Es war eine Ausnahmesituation.
Für alle.
Kinder sind keine fragilen Systeme,
die man mit einem falschen Knopfdruck
dauerhaft beschädigt.
Und Erwachsene übrigens auch nicht.
Weniger Zucker, mehr Wahrheit
Vielleicht brauchen wir weniger Regeln
und mehr Vertrauen.
Weniger „Du musst“.
Weniger „So ist es richtig“.
Weniger Angst, etwas unwiderruflich kaputt zu machen.
Vielleicht schläfst du nicht schlecht.
Vielleicht lebst du einfach.
Und vielleicht ist das völlig okay.
Ein letzter Gedanke – bei einer Tasse Tee
Guter Tee braucht Zeit.
Nicht Druck.
Nicht Optimierung.
Und manchmal brauchen wir sie auch.
Zeit.
Nachsicht.
Gedanken ohne Zuckerzusatz.